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Der Rekordflut überdrüssig PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Administrator   
Mittwoch, 17. Dezember 2008 um 11:32

105 Weltrekorde in 10 Monaten: Jetzt fordern die Trainer der führenden Schwimmnationen vom Weltverband klare Regeln, was die Anzüge betrifft.  (Tagesanzeiger vom 16.12.2008)
 Von

Monica Schneider Hätte der St. Galler Dominik Meichtry an der Kurzbahn-EM in Rijeka am Sonntag die Geschwindigkeit durchgestanden, die er auf den ersten 150 von 200 m angeschla­gen hatte, wäre er den 106. Weltrekord der vergangenen 10 Monate geschwommen. Der Olympiasechste hielt nicht durch, schlug in 1:43,11 an, gewann damit Silber und kam zur Erkenntnis, dass er sich erst im neuen Jahr entscheiden will, wie er sich auf die WM von Ende Juli 2009 in Rom vorbereiten will. Denn in Kroatien wurde nicht nur geschwommen, sondern (einmal mehr) auch über die Anzüge diskutiert – und endlich gehandelt.
  Angeführt vom holländischen Ver­bandsdirektor Jacco Verhaeren, der Pieter van den Hoogenband zu seinen Erfolgen geführt hatte, reichten 15 der 17 führenden europäischen Schwimmnationen beim Weltverband Fina eine gemeinsame Stel­lungnahme ein, die klare Regeln bezüglich der seit dem Frühjahr eingesetzten Hightech-Anzüge fordert. Die Amerikaner als Schwimmnation Nummer 1 haben ihre Vorschläge eingereicht, die Australier werden sich in dieser Woche zum Thema äussern. Denn mittlerweile ist erwiesen,
dass die neuen Modelle einen massgebli­chen Einfluss auf die Entwicklung der Zei­ten haben. Rund ein Dutzend Firmen hat bisher den eigenen Anzug auf den Markt gebracht, darunter sind auch solche aus nicht reglementskonformen Materialien wie Neopren, das den Schwimmern Auf­trieb verleiht. Meichtry macht nun seine WM-Vorbereitung von den Regeln abhän­gig, welche die Fina aufstellt. Im Gegen­satz zu den Deutschen, die vertraglich an ihren Ausrüster gebunden sind, dessen Anzug kaum zu Leistungssteigerungen führt, sind die Schweizer frei in der Wahl.
 
Drei Anzüge übereinander
  Der Weltverband hat sich mit seiner Passivität in eine heikle Situation manö­vriert: Es besteht weder eine Liste, welche Anzüge erlaubt sind, noch werden Kon­trollen durchgeführt, was angezogen wird, und es wird auch nicht geprüft, wie viel angezogen wird. Lorenz Liechti von Swiss Swimming sagt: «In Rijeka sah man regel­mässig Schwimmer, die zwei oder sogar drei Anzüge übereinander trugen, weil das offenbar noch mehr Auftrieb und Stabilität gibt im Wasser.» Der österreichische Trai­ner Helge Goedecke sagte gegenüber swimnews.com: «Was im Schwimmen derzeit passiert, kehrt einem den Magen. Werden wir künftig Helium in unseren Anzügen haben? Wieso nicht? Es wird ja nicht kontrolliert.» Ausdrücklich festhalten wollen Trainer und Schwimmer, dass die Anzüge nicht von ihnen gewünscht, sondern von den
Ausrüstern eingeführt wurden. Und weil nun praktisch jeder einen trägt, versucht auch jeder mit seinen Tüfteleien das Beste daraus zu machen. Klar ist: Eine Chancen­gleichheit gibt es derzeit nicht, und ver­gleichbar ist auch nichts mehr, weil bei Vergleichen auf beiden Seiten der Materi­alfaktor einbezogen werden müsste.
 
Kleiner Anzug komprimiert die Masse
  Dass besser morgen als erst übermor­gen Richtlinien eingeführt werden (oder die Anzüge sogar wieder abgeschafft wer­den), veranschaulichte in Rijeka nichts deutlicher als der Weltrekord des Franzo­sen Amaury Leveaux: Es war zufälliger­weise die 100. Bestmarke in diesem Jahr, und Leveaux schwamm sie über 100m Crawl. In 44,94 Sekunden unterbot er die magische 45er-Marke als Erster, eine Woche zuvor lag der Weltrekord noch bei 45,83. Eine Steigerung von knapp einer Sekunde über diese Distanz in acht Tagen ist einmalig, für einen solchen Schritt be­nötigten die Schwimmer früher Jahre. Vor 13 Monaten noch war Alexander Popow mit 46,74 Rekordhalter, Leveaux’ persönli­che Bestzeit betrug damals 47,51.
  Amaury Leveaux ist 2,04 m gross. Er schwimmt nicht in einem Anzug, der ihm passt, sondern in einem, der ihm viel zu klein ist – mit dem Ziel, seine Muskel­masse zu komprimieren. Das scheint zu funktionieren. Deshalb muss sich auch Dominik Meichtry überlegen, ob er an­stelle von Technik im Wasser nicht Mus­kelkraft im Fitnessraum trainieren soll.
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