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Ohne die passenden Gene gibts keinen Sieg PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: max giger   
Freitag, 22. August 2008 um 08:12

Gene rücken im Spitzensport immer mehr ins Zentrum des Interesses. Wissenschaftler sind überzeugt, dass Marathonläufer sich massiv verbessern können.

Auszug aus dem Tagesanzeiger vom 22.8.08

Von Viviane Bühr Der menschliche Körper ist für Ausdauer­leistungen wie geschaffen. Das wird all jene erstaunen, die bereits nach wenigen Hundert Metern ausser Atem sind. Doch das menschliche Skelett, das ideale Ver­hältnis von Beinlänge zu Körpergewicht und die Fähigkeit zu schwitzen sind beste Voraussetzungen für lange Märsche. Der Mensch besitzt sogar die beste Ausdauer­fähigkeit von allen auf dem Land lebenden Säugern – mit Ausnahme des Alaskischen Huskys.
  Diesen Sonntag enden die Olympischen Spiele in Peking mit dem Marathonlauf der Männer. Der Schweizer Viktor Röthlin gehört zu den Favoriten. Auch wenn seine Bestzeit knapp drei Minuten über jener des Weltrekordhalters Haile Gebrselassie aus Äthiopien liegt. Gebrselassie lief letz­tes Jahr am Berlin-Marathon die 42,195 Ki­lometer in 2:04:26 Stunden.
  Doch auch dieser Rekord wird gebro­chen werden. Französische Wissenschaft­ler um Jean-François Toussaint berechne­ten eine maximal mögliche Marathonzeit von 2:03:08 Stunden für Männer und 2:13:30 Stunden für Frauen – 1:16 Minuten beziehungsweise 1:55 Minuten von den ak­tuellen Weltrekorden entfernt (TA vom 26. 7.).
  Weiter gehen amerikanische Forscher. Aufgrund heutiger Spitzenleistungen be­rechnete der Sportarzt Edward Coyle von der Universität Texas mit Formeln seines Kollegen Mike Joyner eine theoretisch
mögliche Zeit von 1:45 Stunden – mehr als 19 Minuten schneller als Haile Gebrselas­sie. Nach der Berücksichtigung eines Fak­tors für Ermüdung kam Coyle auf 1:57:48 Stunden, was immer noch mehr als sechs Minuten schneller wäre als der momen­tane Weltrekord.
  Dass eine solche Leistungssteigerung möglich ist, glaubt auch der Kenyaner und Spitzen-Marathonläufer Moses Tanui. Einem amerikanischen Journalisten er­klärte er einmal, er wisse, wie es sich an­fühle, einen Halbmarathon unter einer Stunde zu laufen. Und er glaube, dass er diese Geschwindigkeit auch während des ganzen Marathons aufrechterhalten könne. Bisher hat Tanui es allerdings noch nicht geschafft.
  Den Weltrekord der Frauen über die Marathondistanz hält die Britin Paula Rad­cliffe, welche 2003 in London unglaubliche 2:15:25 Stunden lief und die damalige Best­zeit
um drei Minuten unterbot. Messun­gen an Radcliffe ergaben, dass auch sie noch über genügend Potenzial verfügt, um ihren Rekord um mindestens zwei Minu­ten zu unterbieten.
  Wegen einer Verletzung im Vorfeld der Olympischen Spiele und Krämpfen wäh­rend des Rennens erreichte sie in Peking allerdings nur den 23. Rang.
 
Versuche mit transgenen Mäusen
  Auf eine Marathonrekordzeit von un­glaublichen 1:30 Stunden kommt Henning Wackerhage von der Universität Aber­deen. Der Sportphysiologe und frühere Spitzentriathlet vermutet, dass diese Zeit bei Athleten mit extremen Genvariationen theoretisch möglich ist.
  Seine Spekulation beruht auf Erkennt­nissen bei transgenen Mäusen. So wurde im Labor beispielsweise eine «Speedy
Gonzalez»-Maus entwickelt, die anstatt 200 Meter sechs Kilometer weit laufen kann. Andere transgene Mäuse haben mehr rote Blutkörperchen, leistungsfähi­gere Muskelfasern und ein vergrössertes Sportlerherz.
  Solche Genmutationen könnten auch auf natürliche Weise im menschlichen Erbgut vorkommen. Menschen mit diesen Voraussetzungen wären Supermarathon­läufer. «Vermutlich haben ungefähr 300 Gene einen Einfluss auf die Ausdauerleis­tung », sagt Wackerhage. Die Wahrschein­lichkeit sei jedoch äusserst gering, dass je­mand mit all diesen Variationen ausgestat­tet sei. Wackerhage vermutet aber, dass die heutigen Spitzenmarathonläufer etwa 50 dieser vorteilhaften Gene besitzen würden.
  Doch auch bereits wenige Genvariatio­nen können einem Athleten einen ent­scheidenden Vorteil bringen, wie das Bei­spiel eines finnischen Athleten zeigt. Der Ski-Langläufer Eero Mäntyranta, welcher 1964 zweimal olympisches Gold gewann, besass eine spezielle Variation des Epo­Rezeptor-Gens. Sie führte zu einer Über­produktion von roten Blutkörperchen, was die Leistungsfähigkeit von Mäntyranta massiv erhöhte. Die gleiche Wirkung hat das Dopingmittel Epo.
  Mit Sicherheit müssen Athleten die ge­netischen Voraussetzungen für Spitzen­leistungen mitbringen. «Wenn sich die besten Marathonläufer verlieben würden, könnte deren Kind vielleicht einen Mara­thon unter zwei Stunden laufen», speku­liert Henning Wackerhage. Und wenn noch jemand aus der Familie von Mänty­ranta hinzukäme, wäre die Mischung wohl perfekt.
 
Gene gezielt aktivieren
  Von den Genen und Molekülen erhof­fen sich Sportwissenschaftler zudem Ant­worten auf viele noch ungeklärte Fragen. Könnten beispielsweise Gene, welche die Auswirkung von Ausdauertraining auf den Körper steuern, durch effizienteres Trai­ning, Ernährung oder sogar Medikamente zusätzlich aktiviert werden?
  Eine im vergangenen August publizierte Studie in der Fachzeitschrift «Cell» legt den Schluss nahe, dass das möglich ist. So aktiviert die Substanz Aicar bei Mäusen ein Gen, welches die Verfügbarkeit von Energie im Muskel erhöht und so den Ef­fekt von Training imitiert.
  Bei den untersuchten Mäusen verbes­serte sich die Ausdauerfähigkeit um 44 Prozent, obwohl sie sich nicht besonders bewegten. Trainierte Mäuse steigerten ihre Leistungsfähigkeit sogar um 77 Pro­zent. Damit wäre der erste Schritt zum Gendoping gemacht. Die Forscher haben allerdings vorgesorgt und bereits einen Test entwickelt, mit dem das Medikament im Körper eines Athleten nachgewiesen werden kann.
  Experten glauben auch nicht, dass schon bald genetische Superathleten im Labor gezüchtet werden. Gezielte Genma­nipulationen seien äusserst schwierig, er­klärt Wackerhage. Gendoping sei zudem gefährlich. Die Auswirkungen seien prak­tisch nicht kontrollierbar. Und Todesfälle nicht auszuschliessen.
  Dass an den Olympischen Spielen in Pe­king bereits Gendoping angewendet wird, ist deshalb wenig wahrscheinlich. Und ein neuer Marathonweltrekord ist in China aufgrund der ungünstigen klimatischen Bedingungen ebenfalls nicht zu erwarten. Aber es gibt am Sonntag drei olympische Medaillen zu gewinnen. Und der Mitfavo­rit Viktor Röthlin möchte sich die Goldene holen.

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